
Beirat im Interview: Katrin Böhning-Gaese

Katrin Böhning-Gaese ist Geschäftsführerin am Helmholtz-Institut für Umweltfragen (UFZ). Wir haben ihr sieben Fragen zu ihrer Motivation, ihren Erfahrungen und Empfehlungen rund um die Wiederherstellung von Ökosystemen gestellt.
Sie engagieren sich für die Wiederherstellung von Ökosystemen – bitte erklären Sie Ihre Motivation in einem Satz.
Die Möglichkeiten für die Wiederherstellung von Ökosystemen werden in Wissenschaft und Gesellschaft immer noch unterschätzt. Dabei ist Renaturierung meist erstaunlich erfolgreich, mit großem Nutzen für Natur- und Klimaschutz.
Worin sehen Sie die größten aktuellen Handlungsbedarfe bei der Wiederherstellung von Ökosystemen?
Derzeit fehlt es an positiven Narrativen; die politische Diskussion dreht sich zurzeit überwiegend um Verwaltungsvorschriften, Angst vor Enteignung und fehlender Finanzierung.
Was sind aus Ihrer Sicht die größten Hürden auf dem Weg zur Wiederherstellung?
Die größte Hürde ist, dass sich die unterschiedlichen gesellschaftlichen und politischen Akteure und Institutionen derzeit in Grabenkämpfen gegenseitig blockieren - und das ganze Potenzial für Renaturierung fast ungenutzt bleibt.
Wie sollten wir als Land diesen Hürden begegnen?
Ich denke, alle Akteure und Institutionen müssen sich aufeinander zubewegen. Wir brauchen einfache, unbürokratische Unterstützung für Renaturierungsmaßnahmen, mutige Protagonisten, die zeigen, dass Renaturierung auch auf land- und forstwirtschaftlich genutzten Flächen funktioniert und mehr Gelassenheit auf Seiten der Wissenschaft und des Naturschutzes. Das Ergebnis von Renaturierung muss nicht perfekt sein, ein Schritt in die richtige Richtung ist schon ein Erfolg.
… und wo liegen die größten Chancen?
Renaturierung hat ein unglaubliches Potenzial. Dabei kann sich die Natur oft selbst heilen und es kostet fast nichts. Das Ergebnis sind resilientere Ökosysteme, besserer Klima- und Naturschutz und ein Zeichen der Hoffnung. Dank Renaturierung kann der globale Rückgang der Biodiversität zumindest teilweise gestoppt werden und die Biodiversität in der Fläche wieder ansteigen.
Was kann jede*r Einzelne dazu beitragen, dass die Wiederherstellung von Ökosystemen gelingt?
Renaturierung fängt im eigenen Garten an, funktioniert für Grünflächen in der Stadt, in Agrarland und Wald, bei Flüssen und an Küsten: Dafür braucht es mehr Diversität an Arten, an Sorten und an Landschaften, mehr natürliche Dynamik und weniger menschliche Ordnung. Das umfasst auch eine Änderung unserer Beziehung zur Natur und ein anderes ästhetisches Empfinden.
Welche Botschaft möchten Sie allen mitgeben, die sich für Wiederherstellung einsetzen?
Renaturierung ist fast immer eine Erfolgsgeschichte. Wenige kluge, gezielte Maßnahmen an der richtigen Stelle, Toleranz für natürliche Prozesse, Mut, der Natur Raum zu geben, und ein paar Jahre Geduld. Den Rest macht die Natur allein.