Botschafter im Interview: Dominik Eulberg, der "ravende Ökologe"

Du bist Musiker und engagierst dich sehr stark für die Natur. Wie verbindest du deine beiden Leidenschaften in deiner täglichen Arbeit?

Für mich gab es diese Trennung eigentlich nie. Natur war meine erste große Liebe. Ich bin im Westerwald ohne Fernseher aufgewachsen und habe als Kind unzählige Stunden draußen verbracht. Vogelstimmen waren meine Musik, Wiesen, Bäche, Teiche und Wälder mein Entertainmentsystem. Mit Kescher und Lupe habe ich Schmetterlinge, Amphibien und alles andere erforscht, was mir vor die Füße kam. Erst später entdeckte ich die elektronische Musik. Aber auch hier war mein Zugang zunächst von reiner Neugier geprägt: Ich wollte verstehen, wie aus Strom solche Klänge entstehen und welche Gesetzmäßigkeiten dahinterstecken.

Heute sublimiere ich meine tiefe Naturverbundenheit in Musik, Kunst und Wissenschaftskommunikation. Ich komponiere Musik, schreibe Bücher, entwickle Ausstellungen, konzipiere Spiele, vertone Naturfilme, veranstalte multimediale Biodiversitätsshows und mache Führungen zu Themen wie Vogelstimmen, Schmetterlingen oder Fledermäusen. Diese unterschiedlichen Tätigkeiten ergänzen sich für mich sehr organisch. Musik erreicht Menschen unmittelbar über die Emotion, während Geschichten und Wissen den Erfahrungshorizont erweitern. Kunst und Kultur können dadurch lustvolle und niederschwellige Vektoren der Umweltbildung sein. Genau diese Welten versuche ich miteinander zu verweben, denn gerade in diesen Grenzgebieten wimmelt es nur so von Leben.

Als „Naturschützer“ wirst du nicht gerne bezeichnet. Weshalb?

Ich schätze die Arbeit von Menschen, die sich im Naturschutz engagieren, natürlich außerordentlich. Mir geht es um den Begriff selbst. Er erweckt den Eindruck, die Natur sei ein hilfloses Gegenüber, das auf unseren Schutz angewiesen ist. Dabei ist es genau umgekehrt.

Ich sage es manchmal ganz provokant: Ist ein Planet erst einmal mit Leben infiziert, bekommt man es so schnell nicht wieder weg. Leben existiert auf der Erde bereits seit rund 3,8 Milliarden Jahren und hat gewaltige Veränderungen, Katastrophen und mehrere Massenaussterben überdauert. Auch das Aussterben von Arten gehört zum Standardrepertoire der Evolution. Schätzungsweise 99,9 Prozent aller Arten, die jemals auf der Erde gelebt haben, sind wieder ausgestorben. Das Leben als solches ist jedoch geblieben und hat sich immer wieder neu entfaltet.

Die Natur braucht uns Menschen also nicht, aber wir brauchen sie. Ohne uns würde sie wunderbar weiterexistieren und sich neue Räume zurückerobern. Wir hingegen können ohne intakte Ökosysteme keine Sekunde überleben.

Eigentlich betreiben wir daher Menschenschutz oder, noch treffender, Nachfahrenschutz. Wir bewahren unsere eigenen Lebensgrundlagen und die Lebensmöglichkeiten kommender Generationen. Ich bezeichne mich deshalb lieber als Natursensibilisierer. Meine Aufgabe sehe ich darin, Menschen wieder spüren zu lassen, dass sie Teil dieser hochkomplexen Biosphäre sind.

Auch der Begriff „Umwelt“ verrät unsere anthropozentrische Perspektive. Er stellt uns sprachlich in die Mitte und alles andere um uns herum. „Mitwelt“ wäre viel treffender. Wir sind ein Lebewesen, das leben möchte, umgeben von anderen Lebewesen, die ebenfalls leben möchten.

In deiner Musik verwendest du viele Naturgeräusche, besonders Vogelstimmen. Hilft das auch dabei, naturferne Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber wieder mehr mit der Natur in Kontakt zu bringen?

Ich bin ein großer Fan von Hermann Hesse. In seinem tollen Gedicht Stufen schreibt er so passend: „Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“. Als ich vor über dreißig Jahren mit elektronischer Musik begann, hatte ich nicht das Geld, mir ständig neue Synthesizer zu kaufen. Also schnitt ich einfach die ganzen Vogelstimmen und Naturaufnahmen in meine Stücke, die ich eh schon aufgenommen hatte. Aus dieser Not entstand irgendwann eine eigene Klangsprache.

Das hat mich aber auch limitiert und zunehmend genervt immer wieder darauf angesprochen zu werden und der „Vogelstimmen DJ“ zu sein. Und irgendwann war es Zeit, mich weiterzuentwickeln, oder wie Hermann Hesse schrieb: „Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen; nur wer bereit zu Aufbruch ist, mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.“

Heute mache ich das nicht mehr in dieser Form. Was ich aber noch mache, sind Projekte mit Tierstimmen. Wie etwa bei der Wanderausstellung „Tönenden Tiere“, die aktuell in Auszügen im Museum Sinclair-Haus in Bad Homburg zu sehen ist. Für dieses Projekt hatte ich die 50 spannendsten heimischen Tier- und Vogelstimmen ausgesucht, habe sie in Noten und weitere MIDI-Daten transkribiert und sie mit Instrumenten nachspielen lassen.

Die entsprechenden Tiere wurden für die Ausstellung von dem Leipziger Künstler Matthias Garff aus Müll und Alltagsgegenständen nachgebaut. Zusammen mit Mitgliedern des Chaos Computer Clubs mache ich in diesem Duktus auch Live-Klanginstallationen, zuletzt etwa auf der Klima-Biennale in Wien. Solche mit Instrumenten nachgespielte Natur-Sequenzen baue ich auch nach wie vor in meine Musikstücke ein. Wenn man Vogelstimmen nachspielt oder transkribiert, entstehen geniale Melodien: Im Endeffekt ist das die Melodie der Natur, sie ist die größte Künstlerin von allen.

Musik kann Türen öffnen, die Fakten allein häufig verschlossen lassen. Menschen erzählen mir nach meinen Shows, dass sie plötzlich Vogelstimmen bewusst wahrnehmen, Schmetterlinge unterscheiden möchten oder wissen wollen, welches Tier sie gehört haben. In solchen Momenten ist ein erster Same gelegt. Denn wir nehmen nur wahr, was wir kennen, wir schätzen nur, was wir kennen, und wir schützen nur, was wir schätzen.

Inwiefern kann ein guter Rave sonst noch dazu beitragen, Menschen für die Natur zu begeistern?

Wenn ich in einem Club auflege, möchte ich die Tanzfläche natürlich nicht zu einem Klassenzimmer machen. Dort steht zunächst die Musik im Mittelpunkt. Aber ein guter Rave kann etwas sehr Ursprüngliches erzeugen: Menschen synchronisieren sich zu einem gemeinsamen Puls, treten miteinander in Resonanz, schütten Endorphine und Oxytocin aus und erleben sich für einige Stunden als Kollektiv. Musik ist älter als Sprache und sie ist seit jeher der soziale Klebstoff unserer Gesellschaft.

Gerade die großen Krisen unserer Zeit, wie die Klimakrise oder die Biodiversitätskrise, können wir nur gemeinschaftlich lösen. Ein Rave rettet natürlich nicht unmittelbar ein Moor oder einen artenreichen Magerrasen. Er kann aber Verbundenheit, Offenheit und gemeinsame Energie erzeugen. Das sind wichtige Voraussetzungen für gesellschaftliche Veränderung. Ein Rave kann ein extrem wertvoller Ort der Utopie sein.

Zudem erreiche ich durch meine Musik Menschen, die wahrscheinlich nie aus eigenem Antrieb eine naturkundliche Veranstaltung besuchen würden. Ich versuche die Bühnen stets zu nutzen, die mir als arrivierter Künstler geboten werden. Auf Festivals zeige ich erstaunliche Naturaufnahmen während meiner DJ-Sets, aber biete auch konkret Vogelstimmenwanderungen, Schmetterlingsexkursionen und Fledermausführungen dort an. Für viele ist es etwas Besonderes, zunächst nachts zu meiner Musik zu tanzen und anschließend mit mir in die Natur zu gehen. Gerade dieser Perspektivwechsel kann einen sehr persönlichen und nachhaltigen Zugang zur Biodiversität schaffen. Die Wiesen, auf denen man noch nie war, sind ja bekanntlich die saftigsten und ich erschließe so durch den Wandel zwischen den Welten neue „Sensibilsierungsgründe“.

Die Gesellschaft ist in weiten Teilen stark von der Natur entfremdet. Wie können wir Menschen lernen, uns wieder stärker als Teil der Natur zu begreifen?

Unser größtes Problem ist nicht unbedingt ein Mangel an Informationen, sondern ein Mangel an Beziehung. Man kann tausend Studien über das Artensterben lesen. Wenn man aber noch nie das irisierende Blau eines Schillerfalters gesehen, den betörenden Gesang einer Nachtigall bewusst gehört oder die wundervolle Metamorphose eines Schmetterlings erlebt hat, bleiben viele Fakten abstrakt.

Naturschutz scheitert oft nicht am Wissen, sondern am Fühlen: Wir kämpfen nur für Dinge, die uns emotional berühren. Solche Emotionen können wirksame Gegengifte gleichsam gegen Ignoranz, Schönfärberei wie Resignation sein. Wenn wir aufhören zu staunen, laufen wir Gefahr, unser Wissen zu verlieren. Denn Wissen, das nicht mehr berührt, verkommt zur bloßen Information. Es bleibt abstrakt, folgenlos, austauschbar. Staunen hingegen macht aus Daten Bedeutung und aus Fakten Beziehung.

Wir müssen wieder echte Erfahrungen ermöglichen. Schon Humboldt sagte so treffend: „Die Natur muss gefühlt werden“. Kinder sollten viel häufiger draußen lernen, Tiere und Pflanzen bestimmen und ökologische Zusammenhänge unmittelbar erleben. Naturkunde und das Bewusstsein für unsere Lebensgrundlage müsste einen wesentlich größeren Stellenwert in der Bildung bekommen. Aber auch als Erwachsene können wir jederzeit damit beginnen. Die spektakulärsten Wunder liegen häufig direkt vor unserer Haustür. Natur ist ein täglich neu programmiertes Entertainmentsystem, kostenlos, gesund und jederzeit verfügbar.

Der emotionale Schlüssel ist für mich das Staunen. Staunen ist der Beginn jeder Erkenntnis. In diesem Moment tritt unser Ego einen Schritt zurück und wir erkennen uns als Teil eines viel größeren Ganzen. Daraus entstehen Demut, Wertschätzung und Verantwortungsbewusstsein. Wir brauchen deshalb neben nüchternen Fakten auch Geschichten, Schönheit, Kunst und gemeinsame Naturerfahrungen. Naturschutz beginnt nicht mit Verzicht, sondern mit Begeisterung.

In der UN Dekade stehen verschiedene Ökosysteme besonders im Fokus, vor allem Wälder, Kultur und Agrarlandschaften, Moore und Feuchtgebiete, Meere und Küsten, Gewässer und Auen sowie Städte und urbane Landschaften. Hast du ein Ökosystem, das dir persönlich ganz besonders am Herzen liegt und wenn ja, weshalb?

Ökosysteme lassen sich eigentlich nicht isoliert betrachten, denn alles ist miteinander verwoben. Wenn ich mich dennoch entscheiden müsste, wäre es die strukturreiche Kulturlandschaft mit einem Mosaik aus Feuchtwiesen, wilden Weiden, Kleingewässern, Teichen, Hecken, Gebüschen und lichten Gehölzen. Das ist die Landschaft, in der ich im Westerwald aufgewachsen bin und in der ich heute wieder lebe.

Besonders wertvoll sind die Übergänge zwischen unterschiedlichen Lebensräumen. Dort entsteht häufig die größte Vielfalt. Auf engem Raum finden Amphibien, Insekten, Vögel, Fledermäuse und zahlreiche Pflanzenarten ihre jeweiligen Nischen.

Wir müssen dabei auch wieder stärker über natürliche Prozesse nachdenken. Große Pflanzenfresser sind seit jeher essentielle Ökosystemingenieure. Sie halten Teile der Landschaft offen, schaffen Trittstellen, wertvollen Dung, unterschiedliche Vegetationshöhen und damit unzählige Lebensräume. Ganzjährige, naturnahe Beweidung kann deshalb einen enormen Beitrag zur Wiederherstellung artenreicher Landschaften leisten. Solche dynamischen Mosaike sind nicht nur ökologisch wertvoll, sondern für mich auch von einer überbordenden Schönheit und liefern wertvolle kulturelle Ökosystemleisungen für unser Psyche.

Du lebst im Westerwald und besitzt dort auch Land. Erzähle uns bitte etwas mehr über deine Flächen.

Meine Frau Natalia und ich haben das große Glück, mitten in einer noch vergleichsweise artenreichen Landschaft, der Westerwälder Seenplatte, zu leben. Rund um unser Zuhause befinden sich Seen, Feuchtwiesen, Wälder und zahlreiche Kleingewässer. Wir haben hier alleine letztes Jahr über 500 Schmetterlingsarten nachgewiesen. Wir versuchen nach und nach noch mehr Flächen zu erwerben, um sie dauerhaft für die Natur zu sichern und möglichst naturnah zu entwickeln.

Dabei geht es uns nicht um einen dekorativen Naturgarten. Wir möchten ökologische Prozesse zulassen und wieder mehr Vielfalt in die Landschaft bringen. Dazu gehören Kleingewässer, unterschiedlich strukturierte Wiesen, Benjeshecken und in Teilen auch eine extensive Beweidung. Zeitweise helfen uns dabei Zwergzebus aus der Nachbarschaft als kleine Ökosystemingenieure.

Auf und über diesen Flächen begegnen uns Schwarzstörche, Rotmilane, Fledermäuse, Amphibien und seltene Insekten. Besonders freue ich mich über Arten wie den Dunklen Wiesenknopf-Ameisenbläuling, dessen komplexe Lebensweise von einer bestimmten Pflanze und einer bestimmten Ameisenart abhängt. Solche Arten zeigen wunderbar, wie fein die Beziehungen innerhalb eines Ökosystems geknüpft sind.

Die Flächen sind für mich zugleich Rückzugsort, Inspirationsquelle und lebendiges Forschungsfeld. Dort kann ich unmittelbar beobachten, wie schnell die Natur reagiert, wenn man ihr wieder Raum und geeignete Bedingungen gibt.

Was ist deiner Ansicht nach der wichtigste Hebel auf dem Weg zu gesünderen und resilienteren Ökosystemen?

Der wichtigste Hebel ist, Biodiversität endlich als Grundlage unseres eigenen Lebens zu begreifen und nicht als schmückendes Luxusproblem. Intakte Ökosysteme liefern uns sauberes Wasser, fruchtbare Böden, Bestäubung, Nahrung, Klimastabilität und Schutz vor Extremereignissen. Biodiversität ist unsere wichtigste Lebensversicherung.

Aus dieser Erkenntnis müssen politische Konsequenzen folgen. Die entscheidenden Stellschrauben liegen in der Landnutzung und in den wirtschaftlichen Anreizen. Solange landwirtschaftliche Betriebe vor allem nach bewirtschafteter Fläche und nicht nach ihrem Beitrag zum Gemeinwohl, zur Bodengesundheit und zur biologischen Vielfalt honoriert werden, bleiben viele Fehlanreize bestehen. Wer Lebensräume erhält, Böden aufbaut, Wasser in der Landschaft hält und Artenvielfalt fördert, muss dafür angemessen entlohnt werden.

Zugleich brauchen wir eine umfassende Wiederherstellung natürlicher Prozesse. Dazu gehören wiedervernässte Moore, lebendige Flüsse und Auen, vernetzte Lebensräume sowie strukturreiche, extensive und ganzjährige Weidelandschaften. Maßnahmen im eigenen Garten sind wertvoll, doch die Biodiversitätskrise ist ein systemisches Problem. Wir können sie nicht allein in unseren Gärten lösen.

Was wünschst du dir von der Umweltpolitik der Zukunft?

Ich wünsche mir eine Umweltpolitik, die wissenschaftlich fundiert, langfristig und vorsorgend handelt. Ökologische Prozesse richten sich nicht nach Legislaturperioden. Wer heute Böden zerstört, Moore entwässert oder Arten verschwinden lässt, erzeugt Schäden, die kommende Generationen tragen müssen. Je länger wir gegen die Natur wirtschaften, desto höher wird die Rechnung.

Klima, Wasser, Böden und Biodiversität dürfen nicht länger getrennt voneinander behandelt werden. Sie sind Teile desselben Systems. Ich wünsche mir deshalb eine konsequente Reform umweltschädlicher Subventionen, eine Agrarförderung, die ökologische Leistungen belohnt, eine deutliche Verringerung von Ackergiften, verbindliche Schutzräume rund um besonders wertvolle Schutzgebiete, in denen ja heute schon 95 % der vom Aussterben bedrohten Arten leben, und ein transparentes, dauerhaftes Monitoring unserer biologischen Vielfalt.

Dabei dürfen Landwirtinnen und Landwirte nicht zu Gegnern erklärt werden. Sie arbeiten innerhalb eines Systems, das ihnen wirtschaftliche Zwänge auferlegt. Politik muss ihnen ermöglichen und sie dafür belohnen, mit der Natur statt gegen sie zu wirtschaften. Biodiversität sollte zudem ein zentraler Bestandteil der landwirtschaftlichen Ausbildung werden.

Vor allem wünsche ich mir mehr Mut zu positiven Zukunftsbildern. Dystopie und Alarmismus allein kann Menschen lähmen und zu Defätismus führen. Wir müssen die Probleme klar benennen, den Menschen aber zugleich zeigen, dass Wiederherstellung funktioniert und dass gemeinsames Handeln tatsächlich etwas verändert. Die Natur besitzt eine enorme Regenerationskraft, wenn wir ihr Raum geben und ökologische Prozesse verstehen. Eine gute Umweltpolitik schützt daher nicht nur Arten und Lebensräume. Sie eröffnet eine lebenswerte Zukunft für uns alle.

Hier geht´s zu Dominik Eulbergs Website.

Foto (c) Natalia Luzenko

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