
Projekt im Interview: Lebendige Geschäftsstelle
Worum geht es in Ihrem Projekt?
Im Rahmen unseres Projektes haben wir die Freiflächen unserer Geschäftsstelle in der Nachbarschaft des Messegeländes in Hannover-Bemerode naturnah, insektenfreundlich und optisch ansprechend umgestaltet. Wo zuvor tristes und monotones Einheitsgrün mit Scherrasen, standortfremden Gehölzen und kaum heimischen Arten vorherrschte, tobt nun das Leben: Vielfältige Staudenbeete mit überwiegend heimischen und insektenfreundlichen Arten, langen Blühzeiträumen, kleinräumiger Lebensraumvielfalt, mehrere Teiche, unterschiedliche Trockenstandorte, blütenreiche Magerrasen, zahlreiche Nisthilfen für Wildbienen, Fledermäuse und Vögel, Obstgehölze, Kräuterbeete, Trockenmauern, Totholzhaufen, Wildrosenhecken und vieles mehr prägen nun den artenreichen, abwechslungsreichen und lebendigen Garten.
Wie kam es zu der Idee, den „Arten-Garten“ zu entwickeln?
Kurz nach dem Kauf der Geschäftsstelle war klar, dass der Garten unser Selbstverständnis als Naturschutzverband widerspiegeln und als unmittelbares Arbeitsumfeld aufgewertet werden muss. Die Trockenjahre 2018/2019 haben den Entschluss gefestigt, den Garten auch an den immer deutlicher werdenden Klimawandel anzupassen und den Tieren im städtisch geprägten Umfeld mit ständig wachsender Versiegelung und Überbauung von Freiflächen eine naturnahe „Überlebensinsel“ zu bieten. Was zunächst mit der Idee, einen Teich anzulegen, begann, wuchs dann schnell zu einem großen Plan und einem größeren Projekt.
Von der Idee zur Umsetzung ist der Weg manchmal steinig – was waren die größten Herausforderungen?
Die aus dem Kreis der Mitarbeiter*innen entwickelte Idee, den Garten umfassend naturnah umzugestalten, traf nicht sofort auf uneingeschränkte Zustimmung bei allen Entscheidungsträger*innen. Die Sorge war, dass die Freiflächen unordentlich wirken könnten, von Unkraut überwuchert und einen höheren Pflegeaufwand verursachen würden. Auch der zu erwartende, nicht unerhebliche Arbeitsaufwand für die Umgestaltung traf zunächst auf einige Skepsis.
Wie sind Sie diesen Herausforderungen begegnet?
Während eines mehrere Monate dauernden Brainstorming- und Planungsprozesses haben wir einen räumlich differenzierten Plan entwickelt, der möglichst allen Anforderungen gerecht werden sollte. Einerseits wollten wir das Bedürfnis nach einem optisch ansprechenden, gepflegten Erscheinungsbild im Eingangsbereich erfüllen. Andererseits sollten auch möglichst naturnahe, insektenfreundliche und manchmal wilde Bereiche entstehen. Ein detaillierter Pflanzplan und einige grafische Visualisierungen erleichterten die Entscheidungsfindung und waren die Grundlage für den breiten Konsens unter allen Beteiligten. Dank der Förderung durch die Niedersächsische Bingo-Umweltstiftung konnte der finanzielle Aufwand auf ein vertretbares Maß reduziert werden.
Wollten Sie mit dem „Arten-Garten“ bestimmte Arten gezielt fördern und wenn ja, welche und weshalb?
Ein Fokus bei der Umgestaltung lag zum einen auf der Anlage aquatischer Lebensräume, die im weiteren Umfeld absolute Mangelware sind und die insbesondere als Amphibienlebensraum dienen sollten. Das trocken-warme Kleinklima bot auch gute Voraussetzungen, hier geeignete Habitate für Wildbienen zu schaffen, die mit ihren über 600 heimischen Arten immer größere Lebensraumverluste zu verzeichnen haben.
Inwiefern wird der „Arten-Garten“ gepflegt und welche Ressourcen werden dafür benötigt?
Der Garten wird fast flächendeckend nur noch sehr extensiv gepflegt. So werden die Staudenbeete nur einmal im Jahr im Frühling von älterem Bewuchs, aufkommenden Gehölzen sowie invasiven Arten befreit. Ansonsten herrscht nach Möglichkeit das Prinzip der „kontrollierten Wildnis“, das heißt auch spontan aufkommende Wildkräuter werden toleriert, solange sie den Gesamtcharakter des Gartens nicht überprägen und in eine unerwünschte Richtung lenken. Nur in den offenen Sand- und Lehmbodenbereichen wird regelmäßig aufkommender Graswuchs beseitigt, um gute Niststandorte für Wildbienen zu erhalten.
Was hat Sie im Laufe der Entwicklung des Gartens besonders überrascht?
Besonders eindrucksvoll war die sehr rasche Besiedlung des Gartens mit mehreren Amphibienarten: Bis zu 250 Teichfrösche, aber auch Grasfrösche und Erdkröten sowie jährlich mehrere Hundert Teichmolchlarven haben die drei kleinen Teiche inzwischen in Besitz genommen. Auch die Vielfalt an Wildbienen ist beeindruckend: Mehrere Dutzend Arten verschiedenster Wildbienen summen nun den ganzen Sommer durch den Garten.
Inwiefern profitieren die Mitarbeitenden Ihrer Geschäftsstelle vom „Arten-Garten“?
Alle Büros haben einen direkten Blick auf den umgestalteten Garten, der sich im Laufe der Jahreszeiten immer wieder verändert und in dem eigentlich immer etwas Spannendes und Anregendes passiert: Mal ein jagendes Hermelin, ein Schwarm einfallender Stieglitze, eine Schar hungriger Turmfalken im Nistkasten, ein durch den Garten streunender Jungfuchs, quakende Frösche, eine riesige Blau-schwarze Holzbiene, die sich manchmal im Büro verirrt oder der süße Duft vom blühenden Madesüß, der durchs offene Fenster strömt. All das schafft ein anregendes und lebendiges Arbeitsumfeld.
Welche Lessons Learned möchten Sie ähnlichen Projekten mit auf den Weg geben?
Seid mutig und visualisiert, wie schön, vielfältig und artenreich auch kleinste naturnahe Freiflächen sein können. Legt großen Wert auf eine standortgerechte Auswahl von geeigneten und tatsächlich insektenfreundlichen Pflanzen, die gestaffelt möglichst über einen langen Zeitraum im Jahr blühen. Fragt im Zweifel fachkundige Expert*innen und kauft nicht wahllos im Baumarkt Pflanzen ein.
Schafft auf jeden Fall einen oder besser mehrere Teiche unterschiedlichster Tiefe und Ausprägung. Für wertvolle Sonderbiotope, wie Totholzhaufen, Benjeshecken und offene Sandflächen ist überall Platz. Und versucht, die Pflege auf das unbedingt Notwendige zu reduzieren - habt Mut zur kontrollierten Wildnis. Und stellt euch darauf ein, dass sich Vieles wahrscheinlich in eine andere Richtung entwickeln wird, als es eigentlich geplant war.
Fotos (c) Anglerverband Niedersachsen




