
Projekt im Interview: MehrArtenRäume Solingen
Worum geht es in Ihrem Projekt?
Die MehrArtenRäume Solingen (MARS) sind ein kommunales Insektenschutz- und Stadtnaturprojekt. Auf innerstädtischen Grünflächen wurden fünf Pilotflächen ökologisch und soziokulturell aufgewertet, sodass neue Lebensräume für Insekten entstehen und gleichzeitig Orte für Naturerfahrung, Lernen und Begegnung für Menschen. Ziel ist es, Biodiversität direkt im Alltag erlebbar zu machen und Natur vor der eigenen Haustür sichtbar zu stärken.
Inwieweit unterscheiden sich die fünf Pilotflächen im Projekt voneinander?
Die Pilotflächen unterscheiden sich in ihrer Größe, ihrem Landschaftstyp und ihrer bisherigen Nutzung. Im Projekt wurden beispielsweise eine innerstädtische Rasenfläche, ein Stadtbiotop, eine Obstwiese, eine Weide sowie ein kleiner Park ökologisch weiterentwickelt. Dadurch konnten unterschiedliche Lebensräume für Insekten geschaffen werden – von Blühwiesen über Gehölzstrukturen bis hin zu offenen Bodenflächen oder Tiny Forests. Jede Fläche fördert zudem gezielt eine charakteristische Insektenart.
Welche Rolle spielt Umweltbildung auf den Flächen?
Umweltbildung ist ein zentraler Bestandteil des Projekts. Die Flächen sind bewusst als Naturerfahrungsräume gestaltet, in denen Kinder, Jugendliche und Erwachsene Biodiversität direkt erleben können. Ergänzt wird dies durch sogenannte Naturboxen mit Materialien zum Entdecken und Forschen sowie durch Führungen, Aktionstage und Bildungsangebote für Schulen und Kitas. So wird Wissen über Insekten, Pflanzen und ökologische Zusammenhänge praxisnah vermittelt.
Wie sind Sie vorgegangen, um alle Menschen vor Ort zu erreichen?
Um möglichst viele Menschen einzubeziehen, wurden unterschiedliche Kommunikationswege genutzt: Informationsveranstaltungen, Mitmachtreffen auf den Flächen, Social Media, Pressearbeit und direkte Ansprache von Schulen, Kitas, Vereinen und sozialen Einrichtungen im Umfeld der Flächen, sowie Briefkasteneinwürfe in der direkten Nachbarschaft. Besonders wichtig war dabei, niedrigschwellige Angebote zu schaffen, damit möglichst viele Menschen teilnehmen und sich einbringen können.
Können sich die Bürger*innen direkt an der Entwicklung und Aufwertung der ausgewählten Flächen beteiligen und wenn ja, wie?
Ja, die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger war eine zentrale Säule des Projektes. Bereits bei der Auswahl der Pilotflächen konnten sich Menschen aus den jeweiligen Stadtteilen einbringen und entscheiden, welche Fläche zum MehrArtenRaum aufgewertet werden soll. In anschließenden Mitmachtreffen wurden gemeinsam Ideen zur Gestaltung und Nutzung der Flächen entwickelt. Darüber hinaus gab es zahlreiche Möglichkeiten, sich ganz praktisch zu beteiligen – etwa bei Pflanzaktionen, Pflegeeinsätzen oder bei Aktionstagen auf den Flächen. Durch diese gemeinsame Arbeit entstehen nicht nur neue Naturorte in der Stadt, sondern auch eine stärkere Verbundenheit der Menschen mit „ihrer“ Stadtnatur und ein wachsendes Bewusstsein für deren Schutz.
Auch Beweidung durch Schafe wird auf einigen Flächen eingesetzt. Weshalb?
Die Beweidung ist eine traditionelle und gleichzeitig sehr naturschutzwirksame Form der Landschaftspflege. Im Bergischen Land prägen extensiv genutzte Wiesen und Streuobstwiesen seit Jahrhunderten die typische Kulturlandschaft. Durch die Beweidung mit Schafen bleibt diese Landschaft nicht nur erhalten, sondern wird auch ökologisch wertvoll gepflegt. Die Tiere fressen selektiv und schaffen dadurch unterschiedliche Vegetationshöhen sowie offene Bodenstellen. Diese Strukturvielfalt ist für viele Insektenarten besonders wichtig, da sie unterschiedliche Lebensräume und Mikroklimata bietet. Gleichzeitig verhindert die Beweidung eine Verbuschung der Flächen und trägt dazu bei, artenreiche Wiesen langfristig zu erhalten. So verbindet die Schafbeweidung traditionelle Landnutzung mit modernem Naturschutz.
Steht Solingen mit anderen Kommunen im Austausch, die ähnliche Projekte umsetzen oder das in Zukunft planen?
Ja, der Austausch mit anderen Kommunen ist ein wichtiger Bestandteil des Projekts. Die Erfahrungen aus Solingen werden in Netzwerken, Fachveranstaltungen und über Veröffentlichungen weitergegeben. Ziel ist es, dass das Konzept der MehrArtenRäume auch in anderen Städten umgesetzt werden kann.
Was passiert nach Ende der Projektlaufzeit mit den Flächen?
Die MehrArtenRäume bleiben dauerhaft bestehen und werden weiterhin gepflegt und genutzt. Zudem sollen sie verstärkt für Umweltbildungsangebote eingesetzt werden. Mit dem Folgeprojekt „BIDI trifft MARS“, welches im Zeitraum 2026 – 2031 umgesetzt wird, werden die Flächen künftig noch stärker als Lernorte für Biodiversität und Stadtnatur genutzt.
Welche Lessons Learned möchten Sie ähnlichen Projekten mit auf den Weg geben?
Ein wichtiger Erfolgsfaktor ist die frühzeitige Einbindung der Menschen vor Ort. Wenn Bürgerinnen und Bürger die Entwicklung von Flächen mitgestalten können, entsteht nicht nur Akzeptanz, sondern auch eine langfristige Verantwortung für diese Orte. Die MehrArtenRäume waren dabei bewusst als eine Art gesellschaftliches Experiment angelegt: Zu Beginn stand noch nicht fest, welche Ideen sich durchsetzen, welche Akteurinnen und Akteure sich einbringen würden und wie die Flächen von der Bevölkerung angenommen werden. Gerade diese Offenheit hat sich als wertvoll erwiesen, weil sie Raum für unterschiedliche Perspektiven und lokale Bedürfnisse geschaffen hat. Das Projekt zeigt, dass Naturschutz und soziale Nutzung sich nicht ausschließen müssen – im Gegenteil: Besonders im urbanen Raum entstehen innovative und lebendige Orte, wenn ökologische Ziele gemeinsam mit den Menschen vor Ort entwickelt werden.
Fotos (c) Stadt Solingen

