
Ökosysteme für alle – und alle für Ökosysteme. Die Rolle von Citizen-Science im Naturschutz
Was ist Citizen Science?
Wissenschaft findet längst nicht mehr ausschließlich in Laboren, Forschungseinrichtungen oder Universitäten statt. Mit dem Konzept der Citizen Science („Bürgerwissenschaft“) können alle Interessierten - auch ohne professionelle wissenschaftliche Ausbildung - aktiv an Forschungsprozessen teilhaben. Sie beobachten Naturphänomene, erfassen Daten, teilen ihr lokales Wissen oder entwickeln gemeinsam mit Forschenden Fragestellungen und Lösungsansätze. Dadurch entsteht ein Austausch, von dem sowohl die Wissenschaft als auch die beteiligten Bürger*innen profitieren. Gleichzeitig macht Citizen Science wissenschaftliche Arbeit transparenter und stärkt den Dialog zwischen Forschung und Gesellschaft.
Der Begriff „Citizen Science“ wird zwar erst seit den 1990er Jahren verwendet, die zugrunde liegende Idee gibt es aber schon deutlich länger: Bereits im 19. Jahrhundert leisteten naturinteressierte Menschen wichtige Beiträge zur Erfassung von Vogelbeständen, Pflanzenvorkommen oder Wetterereignissen. Viele dieser historischen Beobachtungen bilden bis heute eine wertvolle Grundlage für die Forschung und zeigen, welches Potenzial in der Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft liegt.
Chancen für Forschung und Gesellschaft
Gerade im Naturschutz bietet Citizen Science große Chancen. Die Beteiligung vieler engagierter Menschen erleichtert das Sammeln umfangreicher Daten über Arten, Lebensräume und Veränderungen in der Umwelt über lange Zeiträume hinweg. Solche Informationen sind entscheidend, um Entwicklungen in Ökosystemen zu erkennen und daraus geeignete Maßnahmen zum Schutz und zur Wiederherstellung von Ökosystemen abzuleiten. In Deutschland wird dieser Ansatz bereits in zahlreichen Projekten erfolgreich genutzt und unterstützt damit die Arbeit von Naturschutzbehörden, Schutzgebietsverwaltungen und weiteren Einrichtungen.
Die Digitalisierung hat die Entwicklung von Citizen Science in den vergangenen Jahren zusätzlich beschleunigt. Heute können sich Menschen unabhängig von ihrem Wohnort an Forschungsprojekten beteiligen. Über mobile Anwendungen, digitale Plattformen und frei zugängliche Datenbanken sowie Apps wie iNaturalist oder eBird laden sie Fotos und Beobachtungen von Vögeln, Insekten oder Pflanzen hoch. Dadurch lassen sich große Datenmengen gewinnen, insbesondere in Bereichen wie der Erforschung von Vögeln, Schmetterlingen oder Pflanzenarten. Die gewonnen Daten zeigen beispielsweise, wo welche Arten vorkommen und wie sich ihre Bestände verändern. Ökolog*innen können aus den Ergebnissen ableiten, welche Maßnahmen notwendig sind, um die biologische Vielfalt zu schützen und Ökosysteme wiederherzustellen. Gleichzeitig können die Daten dabei helfen, den Erfolg von Wiederherstellungsmaßnahmen langfristig zu beobachten und zu bewerten.
Außerdem: Citizen Science geht weit über die reine Datensammlung hinaus. Bürgerinnen und Bürger können ebenso an der Entwicklung von Forschungsfragen, der Gestaltung von Methoden oder der Interpretation der Ergebnisse beteiligt sein. So entsteht nicht nur neues wissenschaftliches Wissen, sondern auch ein stärkeres Bewusstsein für die Bedeutung von Forschung und wissenschaftlich fundierten Entscheidungen.
Citizen Science als Gewinn für Mensch und Natur? Die richtige Umsetzung ist entscheidend
Nur eine hohe Datenqualität, die wissenschaftlichen Anforderungen entspricht, bringt die Forschung tatsächlich voran. Citizen-Science-Projekte brauchen deshalb eine gute Betreuung. Die gewonnenen Informationen müssen durch geeignete Verfahren überprüft werden. Und: Die Beteiligung von Freiwilligen darf nicht dazu führen, dass die Finanzierung professioneller Forschung zurückgefahren wird oder Bürgerwissenschaft als kostengünstiger Ersatz für wissenschaftliche Einrichtungen verstanden wird.
Gemeinsam Wissenschaft gestalten – ein Blick in die Zukunft
Die Zukunft der Citizen Science liegt in einer engen und gleichberechtigten Zusammenarbeit zwischen Forschungseinrichtungen und Gesellschaft. Wenn freiwilliges Engagement, wissenschaftliche Expertise und moderne digitale Werkzeuge sinnvoll miteinander verbunden werden, kann Citizen Science einen bedeutenden Beitrag zum Schutz der Biodiversität und zur Bewältigung komplexer gesellschaftlicher Herausforderungen leisten. Sie zeigt, dass Wissenschaft besonders dann erfolgreich ist, wenn Wissen nicht nur für die Gesellschaft, sondern gemeinsam mit ihr entsteht.