
Projekt im Interview: Blühender Campus Berlin
Der Blühende Campus wurde 2019 von Beschäftigten und Studierenden gegründet, damit Natur und Biodiversität an der Freien Universität Berlin (FUB) aktiv gefördert und erlebbar werden. Das Projekt zeigt, dass eine gesellschaftliche Transformation möglich ist: Mensch und Artenvielfalt schließen sich nicht aus, im Gegenteil! Vom Menschen geprägte Lebensräume können eine hohe Biodiversität haben. Das Projekt wurde in unserem Projektwettbewerb 2025 zu "Stadtnatur" in der Kategorie "Renaturierung" als TOP-3-Projekt ausgezeichnet.
Rebecca Rongstock gibt im Interview Einblicke hinter die Projektkulissen.
Worum geht es in Ihrem Projekt genau?
An der Freien Universität Berlin wird urbane Wildnis seit 2019 unter dem Titel „Blühender Campus“ gezielt gefördert und in den Fokus gerückt. Das Projekt vernetzt Initiativen, Forschung, Lehre und Verwaltung und verankert Biodiversität als integralen Bestandteil der universitären Nachhaltigkeit. Im Zentrum der praktischen Arbeit steht die Umgestaltung ehemals intensiv gepflegter Rasenflächen durch reduzierte und zeitlich versetzte Mahd sowie das Anlegen von Kleinsthabitaten, wie Totholzhecken, Steinansammlungen oder Gehölzgruppen.
Bunte Blühflächen auf einem Campus – das klingt direkt toll. Gab es auch kritische Stimmen zur Projektidee und wenn ja, wie sind Sie damit umgegangen?
Die Diskussion, ob insbesondere repräsentative Flächen umgestaltet werden sollten, gab es am Anfang durchaus, weil es die Befürchtung gab, dass Universitätsangehörige sich aus ästhetischen Gründen daran stören könnten. Die meisten Flächen sind daher mit Infotafeln versehen, die die ökologischen Gründe erklären. Wir denken auch, dass wir mit dem Projekt einfach den Zeitgeist getroffen haben. Wilde Flächen werden nicht mehr als zwangsläufig unästhetisch betrachtet, insbesondere seit das Insektensterben den meisten Menschen bewusst geworden ist. Viele Mitarbeitende und Studierende schätzen die blühenden Wiesen. Tatsächlich liegt das größere Konfliktpotential in der Sommermahd, wenn Flächen gemäht werden müssen, um Verbuschung zu verhindern und Universitätsangehörige sich verärgert vor die Rasenmäher stellen, um ihre Fläche zu schützen. Hier müssen wir unsere Kommunikation verbessern, gleichzeitig sind wir froh, dass die emotionale Verbindung zu den Flächen nicht nur bei den Mitgliedern der Initiative vorhanden ist.
Inwiefern wurden und werden die Studierenden am Projekt beteiligt?
Seit Beginn des Projektes sind Studierende involviert – die ersten beiden waren Masterstudierende der Biologie, die ihre Abschlussarbeiten über die Pflanzen und Gliederfüßer auf den neu entstandenen Wiesen verfasst haben. An der Organisation der Initiative sind Studierende beteiligt und ein Teil der universitären Lehre findet auf den Flächen statt.
Werden auf den Flächen auch Umweltbildungsangebote durchgeführt?
Ja, ob Langer Tag der Stadtnatur, Lange Nacht der Wissenschaften oder City Nature Challenge – an den großen Berliner Veranstaltungen nehmen wir teil und haben auch selbst organisierte Führungen und Workshops für alle Altersgruppen im Angebot.
Welche Pflanzen und Tiere profitieren konkret von den Flächen?
Pflanzen mit längeren Entwicklungszyklen, als zum Beispiel Gänseblümchen und Weißklee profitieren von der selteneren Mahd, weil sie Zeit haben, zu Blühen und Früchte zu bilden. Davon wiederum profitieren Bestäuber und Herbivore, aber auch Arten, die höhere Vegetation bevorzugen, weil sie zum Beispiel ihr Netz in hohen Wiesen errichten, wie die Wespenspinne. Von mehr Insekten profitieren wiederum Vögel oder Fledermäuse, die sich von ihnen ernähren und deren Fraßfeinde.
Haben sich auch Arten angesiedelt, mit denen Sie nicht gerechnet hätten?
Seit letztem Jahr erfreuen wir uns an Sechsfleckwidderchen, die beim wöchentlichen Tagfaltermonitoring mehrfach erfasst wurden und die Igel wurden nach langer Zeit ohne Sichtungen durch ein Kleinsäugermonitoring innerhalb einer Masterarbeit wiederentdeckt.
Nehmen Sie im Winter Maßnahmen vor, um die Insekten bei der Überwinterung zu unterstützen?
Ein Teil der Vegetation bleibt über den Winter stehen, Laub bleibt liegen und in mehreren Komposten leben bodenbewohnende Insekten.
Was ist für die Zukunft des Projekts geplant?
Wir möchten weiter in die Strukturen der Universität hineinwachsen. Mit der universitätseigenen Biodiversitätsstrategie und -leitlinien sind uns die ersten Schritte gelungen, nun muss die Umsetzung erfolgen oder optimiert werden.
Welche Lessons Learned möchten Sie ähnlichen Projekten gerne mitgeben?
Wir wissen recht gut, was wir tun können und müssen, um lokal Artenvielfalt zu fördern und Menschen haben Spaß an Stadtnatur – daher weniger Bedenken, mehr umsetzen!
Weitere Infos zum Projekt gibt es hier.
Foto (c) Sophie Lokatis
