
Projekt im Interview: Schulwälder gegen Klimawandel
Das Projekt „Schulwälder gegen Klimawandel – Pflanzt nicht Worte, sondern Bäume“ der Stiftung Zukunft Wald ist ein herausragendes Beispiel für die Wiederherstellung von Ökosystemen, weil es degradierte oder brachliegende Flächen in dauerhafte, artenreiche Wälder verwandelt. Im Rahmen von Erstaufforstungen pflanzen Kinder und Jugendliche standortangepasste, artenreiche Mischwälder, die aus einem stabilen Hauptwald und einem ökologisch wertvollen Waldrand bestehen. Das Projekt wurde in unserem Projektwettbewerb 2025 zu "Stadtnatur" in der Kategorie "Aktivierung" als TOP-3-Projekt ausgezeichnet und hat wurde zudem zum Projekt des Jahres gewählt.
Mit Bildungsreferentin Pauline Abraham haben wir über das Projekt gesprochen.
Worum geht es in Ihrem Projekt genau?
Im Projekt „Schulwälder gegen Klimawandel“ pflanzen Schüler*innen ihren eigenen Wald – artenreich, standortgerecht und klimaresilient. So entsteht nicht nur neuer Lebensraum für Tiere und Pflanzen, sondern auch ein grünes Klassenzimmer, das über viele Jahre für Unterricht, Naturerfahrung und praktischen Naturschutz genutzt wird. Kinder und Jugendliche erleben Natur dabei direkt und gestalten sie aktiv mit. Die Stiftung Zukunft Wald begleitet die Schulen langfristig – von der Pflanzung bis zur naturnahen Entwicklung der Flächen über 30 Jahre.
Wie kam es zu der Idee für das Projekt?
Die Idee entstand aus dem überregionalen Wettbewerb „ZukunftWald2100“ im Jahr 2010. Kinder und Jugendliche setzten sich darin mit der Frage auseinander, wie Wälder der Zukunft aussehen sollten – und formulierten einen klaren Auftrag: „Pflanzt nicht Worte, sondern Bäume.“
Dieser Impuls hat uns gezeigt, wie groß der Wunsch junger Menschen ist, selbst aktiv zu werden. Daraus entstand die Idee, Schulwälder zu schaffen: Orte, an denen Schüler*innen nicht nur über Natur lernen, sondern selbst Verantwortung übernehmen und den Wald aktiv mitgestalten. So wurde aus einer Vision ein langfristiges Bildungs- und Naturschutzprojekt.
Welche Baumarten nutzen Sie für die Pflanzung und weshalb?
In unseren Schulwäldern entstehen standortgerechte, klimaresiliente Mischwälder. Die Auswahl der Baum- und Straucharten orientiert sich konsequent an den jeweiligen Boden- und Klimabedingungen vor Ort.
Auf Freiflächen setzen wir gezielt auf lichtbedürftige und trockenheitstolerante Arten wie Stiel- und Traubeneiche sowie ergänzend Ahorn oder Hainbuche, während schattentolerante Arten wie die Buche dort bewusst nachrangig berücksichtigt werden.
Grundsätzlich arbeiten wir mit einer hohen Vielfalt: Unsere Pflanzungen umfassen bis zu 30 verschiedene Baum- und Straucharten. Neben den Hauptbaumarten integrieren wir standortspezifische Begleitarten und auch seltenere Gehölze, etwa die Gewöhnliche Traubenkirsche, auf geeigneten, feuchteren Standorten.
Diese Vielfalt erhöht die Stabilität der Bestände, reduziert Risiken durch Klimaveränderungen und fördert die Biodiversität. Strukturreiche Waldränder mit
Sträuchern schaffen zusätzliche Lebensräume, schützen den Bestand und unterstützen die naturnahe Entwicklung der Flächen.
Welche Pflegemaßnahmen werden in den entstehenden Schulwäldern umgesetzt – und inwiefern sind die Schüler*innen daran beteiligt?
Die Schulwälder werden bewusst naturnah entwickelt und benötigen in den ersten Jahren nur wenige Pflegemaßnahmen. Durch das Nesterpflanzverfahren wachsen die jungen Bäume in Gruppen auf und stabilisieren sich gegenseitig, sodass auf klassische Kulturpflege weitgehend verzichtet werden kann.
Eingriffe erfolgen gezielt und nur bei Bedarf: Schüler*innen entfernen beispielsweise invasive Arten oder schaffen zusätzliche Lebensräume wie Totholzbereiche oder Benjeshecken.
Mit zunehmendem Alter der Bestände werden punktuell einzelne Bäume entnommen, um stabile Mischwälder zu fördern. Die Schüler*innen begleiten diesen Prozess über Jahre hinweg und wirken bei ausgewählten Maßnahmen aktiv mit. So lernen sie, dass Waldentwicklung ein langfristiger, naturnaher Prozess ist.
Werden die Wälder nach der Pflanzung durch die Schulen genutzt und wenn ja, wie?
Die Schulwälder werden von den Schulen vielfältig und dauerhaft genutzt – im Unterricht, in Arbeitsgemeinschaften und an Projekttagen. Sie bieten einen realen Lernort, an dem Schüler*innen ökologische Zusammenhänge direkt erleben, beobachten und aktiv mitgestalten können.
Ob Baumwachstum, Artenvielfalt, Bodenentwicklung oder jahreszeitliche Veränderungen – viele Themen lassen sich im Schulwald anschaulich und praxisnah vermitteln. Der Unterricht wird dabei bewusst nach draußen verlagert und fächerübergreifend gestaltet.
Zusätzlich unterstützen wir die Schulen durch Fortbildungen und bereitgestellte Materialien, sodass der Schulwald langfristig und lehrplankonform in den Unterricht integriert werden kann.
Unterstützen sie die Schulen auch bei der Grundstückssuche?
Die Initiative für einen Schulwald geht meist von der Schule selbst aus, zum Beispiel durch Empfehlungen oder Lehrkräfte, die das Konzept kennen. Wir empfehlen, zunächst die Kommune oder den Landkreis anzusprechen, da Anfragen von vor Ort besonders wirksam sind.
Bei der Flächensuche begleiten wir die Schulen fachlich: Wir prüfen potenzielle Standorte auf Eignung, Nutzungskonflikte oder Schutzauflagen und stehen in engem Austausch mit Kommunen, Eigentümer*innen und Forstbehörden.
Findet sich vor Ort keine passende Fläche, erweitern wir die Suche auf Eltern, kirchliche Träger oder private Eigentümer*innen. So unterstützen wir Schulen dabei, eine geeignete Fläche für einen fachlich fundierten Schulwald zu finden.
Es gibt bereits über 80 Schulwälder in ganz Niedersachsen – über 80 000 Schüler*innen waren bereits im Projekt aktiv. Gibt es Pläne, die Idee der Schulwälder auch bundesweit zu fördern?
Als Stiftung der Niedersächsischen Landesforsten liegt unser Schwerpunkt derzeit auf Niedersachsen. Hier konnten wir in den letzten Jahren ein funktionierendes Modell aufbauen: Inzwischen gibt es fast 90 Schulwälder, und das Land Niedersachsen unterstützt die Weiterentwicklung dieses Ansatzes aktiv. Unser ursprüngliches Ziel von 100 Schulwäldern haben wir damit nahezu erreicht – und wollen diesen Weg konsequent fortsetzen.
Dabei ist uns wichtig zu betonen, dass unser Ansatz über klassische „Waldklassenzimmer“ hinausgeht: Wir pflanzen gemeinsam mit den Schulen neue Wälder, die sich langfristig entwickeln und dauerhaft genutzt werden.
Grundsätzlich ist das Konzept gut auf andere Bundesländer übertragbar. Eine bundesweite Umsetzung wäre aus unserer Sicht sehr sinnvoll, um mehr Kindern und Jugendlichen diese Form des Lernens und Mitgestaltens zu ermöglichen. Als Stiftung sind wir jedoch an unseren regionalen Auftrag gebunden. Für einen Transfer auf andere Bundesländer wären daher entsprechende Kooperationen und Strukturen notwendig.
Unsere Erfahrung zeigt, dass sich mit dem Schulwald-Ansatz ökologische Wirkung und Bildung sehr wirkungsvoll verbinden lassen – ein Modell, das aus unserer Sicht großes Potenzial für ganz Deutschland hat.
Wie stellen Sie sicher, dass die gepflanzten Schulwälder langfristig Bestand haben?
Die langfristige Sicherung der Schulwälder basiert auf mehreren Ebenen. Grundlage ist ein Kooperationsvertrag zwischen Schule, Flächeneigentümer*in und der Stiftung Zukunft Wald, der auf 30 Jahre angelegt ist und die Nutzung sowie Betreuung verbindlich regelt.
Darüber hinaus begleiten wir die Schulen über den gesamten Zeitraum fachlich und organisatorisch. Als Stiftung sind wir langfristig angelegt und können diese kontinuierliche Unterstützung verlässlich gewährleisten.
Ein wichtiger Baustein ist zudem das Schulwald-Netzwerk: Durch Fortbildungen und regelmäßigen Austausch bleiben Lehrkräfte eingebunden, und auch bei personellen Wechseln kann das Projekt an den Schulen weitergeführt werden.
Unabhängig vom Projekt selbst ist der Wald als Ökosystem dauerhaft gesichert. Ein einmal begründeter Wald unterliegt dem gesetzlichen Schutz und bleibt langfristig erhalten, auch über die eigentliche Projektlaufzeit hinaus.
So entsteht nicht nur ein zeitlich begleitetes Bildungsprojekt, sondern ein Wald, der langfristig Bestand hat.
Welche Lessons Learned möchten Sie ähnlichen Projekten mit auf den Weg geben?
Ein zentrales Learning aus unserer Arbeit ist, den Fokus konsequent auf Wirkung zu legen. Es reicht nicht, einzelne Pflanzaktionen durchzuführen – entscheidend ist die Frage, welchen ökologischen und gesellschaftlichen Beitrag ein Projekt tatsächlich leistet. Unser Anspruch ist es, Projekte nicht nach ihrer Sichtbarkeit, sondern nach ihrer tatsächlichen Wirkung zu bewerten.
Wir setzen daher bewusst auf Erstaufforstungen. Das bedeutet: Wir pflanzen neue Wälder – keine symbolischen Aktionen, sondern Flächen, die sich langfristig zu stabilen Ökosystemen entwickeln. Gleichzeitig arbeiten wir in einer Größenordnung, die echte Wirkung erzeugt: Pro Jahr entstehen mehrere Schulwälder, gemeinsam mit mehreren tausend Kindern und zehntausenden gepflanzten Bäumen.
Ein weiteres Learning ist, dass auch große Projekte mit überschaubaren Strukturen umsetzbar sind. Entscheidend ist weniger die Größe des Teams als vielmehr fachliche Klarheit, Organisation und Umsetzungsstärke. Mit forstlichem Know-how und einer praxisorientierten Herangehensweise lassen sich auch komplexe Vorhaben effizient realisieren.
Dabei ist es wichtig, die Rollen klar zu definieren: Die pädagogische Expertise liegt bei den Schulen, wir schaffen die fachliche Grundlage und die organisatorischen Rahmenbedingungen. Gleichzeitig unterstützen wir dabei, wie Lernen konkret im Wald stattfinden kann und helfen, praktische Hürden in der Umsetzung zu überwinden.
Und schließlich: Waldentwicklung bedeutet langfristiges Denken. Wer mit Wäldern arbeitet, plant in Jahrzehnten und Generationen. Diese Perspektive ist aus unserer Sicht entscheidend, um Projekte mit echter Nachhaltigkeit und Wirkung zu entwickeln.
Weitere Infos zum Projekt gibt es hier.
Bilder (c) Stiftung Zukunft Wald



